Das Zepter in der Hand des Arztes 31.03.2008
eingestellt von Dr. Manfred Klemm
Ärzte Zeitung, 26.03.2008
Medizinische Konzepte sind Ärzte-Sache
Medizinrechtler warnt vor Diktat der Krankenkassen bei Vertragsverhandlungen / Ärzte müssen sich neu formieren
NEUSS. Bei Vertragsverhandlungen mit Krankenkassen sollten die niedergelassenen Ärzte vor allem darauf achten, dass sie die Definitionsmacht über die Patientenversorgung und die Versorgungsstrukturen behalten.
Von Ilse Schlingensiepen
Das rät der auf Medizinrecht spezialisierte Rechtsanwalt Professor Thomas Schlegel "Es ist außerordentlich wichtig, dass Ärzte die medizinischen Konzepte entwickeln, die für die Versorgung erforderlich sind", sagte Schlegel bei der Fachtagung "Markttrends durch das GKV-WSG" der Pharmaunternehmen Berlin-Chemie und Janssen-Cilag in Neuss.
Ärzte sollten Krankenkassen in ihre Schranken weisen
Wenn die Krankenkassen die medizinischen Konzepte diktieren, sei das für die Ärzte schlecht, auch die Patienten wünschten sich die Therapiefreiheit für den Arzt. Als negatives Beispiel nannte Schlegel den Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung, den die Hausärztliche Vertragsgemeinschaft mit AOK und IKK in Berlin geschlossen hat. Was den Juristen an dem Vertrag stört: Teile der Vergütung fließen nur dann an die Ärzte, wenn sie einen bestimmten Prozentsatz der geeigneten Patienten in den Vertrag einschreiben. Die Kassen hätten den Ärzten bereits Listen mit den entsprechenden Namen geschickt. "Hier sagt Ihnen eine Kasse, welcher Patient sich eignet", sagte Schlegel an die Adresse der Ärzte. "Hier wird in die medizinische Konzeption schon eingegriffen."
Die aktuelle Zersplitterung der Versorgungslandschaft sei nicht förderlich, um eine vernünftige Verhandlungsmacht der Ärzte zu generieren, räumte Schlegel ein. "Die Versorgungsstruktur der Vergangenheit ist aufgebrochen, sie sortiert sich extrem kleinteilig neu." Für Ärzte ist es seiner Einschätzung nach in dieser Situation besonders wichtig, im regionalen Umfeld nach Verbündeten zu suchen. "Wir brauchen Zeit, um uns an gewisse Verträge herantasten zu können", sagte Dr. Manfred Klemm, Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des Regionalen Gesundheitsnetzes Leverkusen eG. Die Ärzteschaft brauche die Gelegenheit, sich neu zu formieren. Nur mit den Kassenärztlichen Vereinigungen allein gehe es nicht mehr. "Die KV hat ihre Chance gehabt", sagte Klemm. Der Schulterschluss und die Kooperation der Ärztezusammenschlüsse mit der KV bleibt seiner Einschätzung nach aber notwendig.
Der Zusammenschluss von Ärzten in Genossenschaften oder anderen Verbünden sei wichtig, um Verhandlungsmacht zu bekommen, aber auch um Ideen austauschen und Konzepte entwickeln zu können, sagte Klemm. "Wir denken in vielen Bereichen darüber nach, wie wir medizinische Notwendigkeiten in Pfade kleiden können, um sie dann auch ökonomisch mit den Krankenkassen zu verhandeln", berichtete er. "Wir brauchen leistungsfähige Gruppen, die uns vernetzt ein Angebot machen, das wir als Krankenkasse für unsere Versicherten brauchen", sagte Günter van Aalst, Leiter der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der Techniker Krankenkasse (TK).
Kassen setzen nicht allein auf Kostendämpfung
Außer dem Kollektivvertragssystem bräuchten die Kassen auch differenzierte Möglichkeiten der Vertragsgestaltung. Vorwürfe aus dem Publikum, Ärzte müssten TK-Versicherte im Medizinischen Versorgungszentrum "Atrio-Med" der Kasse vor allem unter Kostenaspekten behandeln, wies van Aalst zurück. "Wenn wir das machen würden, würden uns die Versicherten weglaufen", sagte er. Auch Jurist Schlegel hält es für bedenklich, dass die TK Leistungen, die der von ihr beauftragte Betreiber des MVZ erbracht hat, bezahlt.
Der Chef der KV Westfalen-Lippe Dr. Ulrich Thamer plädierte für einen gestuften Wettbewerb in der Versorgung. Auf der primärärztlichen Ebene - Hausärzte, Kinderärzte, Augenärzte und Gynäkologen - sollte die flächendeckende Versorgung über Kollektivverträge gesichert werden.