Baumgärtner zur AOK in Baden-Württemberg 18.12.2007
eingestellt von Dr. Manfred Klemm
INTERVIEW aus der Ärzte Zeitung, 18.12.2007
"85-Euro-Pauschale wäre Verhandlungsbasis" STUTTGART
Die AOK-Ausschreibung zur Hausarztversorgung in Baden-Württemberg sorgt bundesweit für Wirbel. Beworben haben sich dabei alle KVen. Gemeinsam haben auch der Hausärzteverband und Medi ihren Hut in den Ring geworfen. Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner erläutert im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", mit welchen Forderungen er - im Fall eines Zuschlags - in die Verhandlungen gehen würde. Florian Staeck hat ihn befragt.
"Interessen von Haus- und Fachärzten werden bei Medi gleich bedient": Dr. Werner Baumgärtner.
Ärzte Zeitung: Wie bewerten Sie die Bewerbung von allen KVen auf die AOK-Ausschreibung hin?
Werner Baumgärtner: Prinzipiell kann sich jeder bewerben, nur so kann man die Bewerbung der Körperschaften verstehen. Wer die Ausschreibung liest und die rechtlichen Vorgaben kennt, wird die Aktivitäten der KVen einerseits als politische Maßnahme sehen - die KVen tun so, als ob sie die einzige Organisation seien, die Ärzte professionell vertreten könnten. Andererseits werden die KVen versuchen, das Verfahren zu behindern oder zu verzögern, falls sie nicht zum Zuge kommen. Falls es bei der Bewerbung der KV Bayerns nur um die Behinderung des Verfahrens geht, werden wir uns Schadenersatzansprüche vorbehalten.
Die rechtliche Prüfung der Bewerbungen sollten wir der Rechtsaufsicht der KVen überlassen. Wir haben uns in diesem Sinne bereits an die bayerische Sozialministerin Christa Stewens gewandt.
Ärzte Zeitung: Die AOK bietet eine "weitgehende Pauschalierung des Honorars unter Berücksichtigung des derzeitigen Vergütungsniveaus (...) sowie der zusätzlichen Anforderungen an". Wie hoch sollten die Pauschalen sein?
Baumgärtner: Die Situation der Vertragsärzte ist doch die, dass wegen der KBV bisher schon 30 bis 50 Prozent der nicht vergüteten Leistungen auf Kalkulationen aus den 90er Jahren in Pauschalen versenkt werden. Warum sollten wir uns in dieser Situation auf Verträge auf diesem jämmerlichen Vergütungsniveau einlassen? Da würde doch niemand mitmachen. Persönlich bin ich ein Gegner von Pauschalen, aber wir werden als Basis der Verhandlungen die Vorschläge des Hausärzteverbandes vom Januar 2007 nehmen, also 85 Euro pro Quartal. Bei entsprechender Höhe der Pauschale werde ich meine Vorbehalte zurückstellen. Die Vergütung der bei Verträgen nach Paragraf 73c beteiligten Fachärzte wird ebenfalls besser sein müssen, als das, was sie aus dem EBM zu erwarten haben. Bei Medi werden haus- und fachärztliche Interessen immer gleich bedient, wir sind und bleiben fachübergreifend.
Ärzte Zeitung: Die AOK verlangt eine elektronische Abrechnung einschließlich Leistungsnachweisen direkt mit der Kasse. Das Medi-Mitglied datentechnisch "nackt" unter der Lupe der AOK-Prüfer: Ist das akzeptabel?
Baumgärtner: Natürlich muss es bei diesen Projekten eine elektronische Vernetzung der Praxen geben, das ist etwas, was ich mir schon seit Jahren wünsche, allerdings zu unseren Bedingungen. Eine Zukunft ohne Telematik in der Arztpraxis führt zum Aus unserer Praxen. Wir können mit diesem Projekt beweisen, dass das Megaprojekt elektronische Gesundheitskarte gar nicht notwendig ist. Wir fahren mit regionalen Lösungen, bei der wir die Datenhoheit haben, viel besser. Das EDV-Projekt der AOK hat mit der Einführung der Gesundheitskarte nichts zu tun.
Ärzte Zeitung: Die AOK strebt eine "wirtschaftliche Verordnungsweise unter Berücksichtigung von Preisvergleichslisten" an. Was bleibt dann von der Therapiefreiheit übrig?
Baumgärtner: Ich bedaure, dass heute 80 Prozent der Ärzte aus Angst vor Regressen das Aut-idem-Kreuzchen auf dem Rezept weglassen. Soviel zur Therapiefreiheit im KV-System. Ich bedaure ebenso, dass zu viel Geld in den vergangenen Jahren in die Arzneimittelversorgung geflossen ist. Wir hätten in der ambulanten Vergütung keinerlei Probleme, wenn wir Wachstumsraten wie bei Arzneimitteln in der GKV gehabt hätten. Jetzt wird es Waffengleichheit geben. Über EDV-gestützte Information erhält der Arzt Auswahlmöglichkeiten bei seiner Verordnung. Er sollte diese nutzen und dann auch wieder sein Kreuzchen auf dem Rezept machen.
Ärzte Zeitung: Sollte es ein Junktim geben, dass bei einem 73 b-Vertrag auch bald für Fachärzte ein 73 c-Vertrag geschlossen wird?
Baumgärtner: Selbstverständlich muss es ein Junktim geben. Wir haben dies auch in unserer Bewerbung so formuliert. Wir sind im Augenblick dabei, Eckpunkte für die 73c-Verträge zu formulieren. Wir stützen uns dabei auf Informationen und Wünsche unserer Medi-Fachärzte. Das Interesse der Fachverbände, vor allem auf Bundesebene, ist aber an diesem Punkt noch nicht richtig geweckt - HNO-Ärzte, ambulante Operateure und Orthopäden möchte ich aber ausdrücklich für ihre Unterstützung loben.